Eine Sitzplatzreservierung ist das Versprechen, dass irgendwo in einem Zug ein Platz existiert, der theoretisch Ihnen gehört. Praktisch sitzt dort bereits jemand mit Kopfhörern, geschlossenen Augen und einem bemerkenswert überzeugenden Totstellreflex.
Man zeigt freundlich die Reservierung. Der Sitzende blickt auf das Display über dem Platz. Dort steht nichts. „Keine Anzeige“, sagt er. Damit ist das deutsche Eigentumsrecht vorläufig außer Kraft gesetzt.
Vielleicht fährt heute ein anderer Wagen. Oder gar keiner. Die Wagenreihung wurde geändert, was bedeutet, dass alle Reisenden gleichzeitig über den Bahnsteig rennen. Erst nach links, dann nach rechts, schließlich wieder nach links. Mobilitätswende als Gruppensport.
Im Zug stehen Koffer überall dort, wo Menschen sitzen könnten. Manche Gepäckstücke haben mehr Beinfreiheit als ihre Besitzer. Ein Rollkoffer blockiert den Gang und wirkt dabei so selbstbewusst, als hätte er ebenfalls reserviert.
Die Durchsage bittet darum, die Türen freizuhalten. Direkt danach bleibt der Zug wegen einer Türstörung stehen. Man bewundert die Konsequenz: Die Tür wurde so gründlich freigehalten, dass sie nun gar nichts mehr tut.
Im Bordrestaurant gibt es heute leider keine warmen Speisen. Kalte ebenfalls nicht. Dafür funktioniert der Kaffeeautomat, sofern man exakt passend zahlen, kontaktlos bezahlen und gleichzeitig an Wunder glauben kann.
Die Verspätung beträgt zunächst zehn Minuten. Später 25. Dann heißt es nur noch „auf unbestimmte Zeit“. Das ist ehrlicher und hat fast etwas Philosophisches. Wo wollen wir hin? Warum? Und war der Anschlusszug jemals real?
Am Ziel kommt man an, nur eben später und in einer anderen geistigen Verfassung. Die Reservierung war nutzlos, der Kaffee leer und der Anschluss weg. Aber man hat etwas gelernt: Im deutschen Fernverkehr ist jeder Platz ein Fensterplatz – zum Abgrund.