Freitag, 4. September 2026

Die Speisekarte lädt noch


Im Restaurant gibt es keine Speisekarte mehr. Auf dem Tisch steht ein QR-Code. Das ist moderner und hygienischer. Statt einer Karte berühren jetzt alle dieselbe kleine Plastikpyramide und anschließend ihr Telefon.

Man scannt den Code. Das Handy öffnet eine 48 Megabyte große PDF-Datei. Auf Seite eins steht die Geschichte des Restaurants, auf Seite zwei das Nachhaltigkeitskonzept. Das Essen beginnt auf Seite 17, allerdings nur im Querformat.

Die Schrift ist so klein, dass man die Vorspeise versehentlich als Datenschutzerklärung akzeptiert. Der Gast am Nebentisch zoomt seit zehn Minuten in eine Tomatensuppe hinein.

Natürlich ist der Empfang schlecht. Das WLAN-Passwort hängt hinter der Bar, ebenfalls als QR-Code. Man benötigt also Internet, um Zugang zu dem Internet zu erhalten, das man für die Speisekarte braucht. Digitalisierung ist ein Kreisverkehr ohne Ausfahrt.

Hat man endlich bestellt, kommt die Rechnung auf einem Tablet. Der Kellner dreht es freundlich um. Nun soll man Trinkgeld auswählen: großzügig, sehr großzügig oder „Ich lehne gesellschaftliche Teilhabe ab“.

Früher legte man diskret ein paar Euro auf den Tisch. Heute steht ein lächelnder Mensch daneben und beobachtet, wie man auf dem Bildschirm seine moralische Qualität festlegt. Noch nie waren 15 Prozent so persönlich.

Danach unterschreibt man mit dem Finger. Die Unterschrift sieht aus wie ein EKG während eines Stromausfalls. Das Gerät akzeptiert sie trotzdem. Die Bank kennt offenbar die Handschrift des modernen Menschen: verzweifelt und fettig.

Zum Abschied erhält man den Beleg per E-Mail. Dafür muss man nur die Adresse eingeben, den Newsletter abwählen und bestätigen, dass man kein Roboter ist. Das Essen war gut. Die Speisekarte lädt vermutlich immer noch.

 

Donnerstag, 3. September 2026

Reserviert ist nur die Hoffnung


Eine Sitzplatzreservierung ist das Versprechen, dass irgendwo in einem Zug ein Platz existiert, der theoretisch Ihnen gehört. Praktisch sitzt dort bereits jemand mit Kopfhörern, geschlossenen Augen und einem bemerkenswert überzeugenden Totstellreflex.

Man zeigt freundlich die Reservierung. Der Sitzende blickt auf das Display über dem Platz. Dort steht nichts. „Keine Anzeige“, sagt er. Damit ist das deutsche Eigentumsrecht vorläufig außer Kraft gesetzt.

Vielleicht fährt heute ein anderer Wagen. Oder gar keiner. Die Wagenreihung wurde geändert, was bedeutet, dass alle Reisenden gleichzeitig über den Bahnsteig rennen. Erst nach links, dann nach rechts, schließlich wieder nach links. Mobilitätswende als Gruppensport.

Im Zug stehen Koffer überall dort, wo Menschen sitzen könnten. Manche Gepäckstücke haben mehr Beinfreiheit als ihre Besitzer. Ein Rollkoffer blockiert den Gang und wirkt dabei so selbstbewusst, als hätte er ebenfalls reserviert.

Die Durchsage bittet darum, die Türen freizuhalten. Direkt danach bleibt der Zug wegen einer Türstörung stehen. Man bewundert die Konsequenz: Die Tür wurde so gründlich freigehalten, dass sie nun gar nichts mehr tut.

Im Bordrestaurant gibt es heute leider keine warmen Speisen. Kalte ebenfalls nicht. Dafür funktioniert der Kaffeeautomat, sofern man exakt passend zahlen, kontaktlos bezahlen und gleichzeitig an Wunder glauben kann.

Die Verspätung beträgt zunächst zehn Minuten. Später 25. Dann heißt es nur noch „auf unbestimmte Zeit“. Das ist ehrlicher und hat fast etwas Philosophisches. Wo wollen wir hin? Warum? Und war der Anschlusszug jemals real?

Am Ziel kommt man an, nur eben später und in einer anderen geistigen Verfassung. Die Reservierung war nutzlos, der Kaffee leer und der Anschluss weg. Aber man hat etwas gelernt: Im deutschen Fernverkehr ist jeder Platz ein Fensterplatz – zum Abgrund.

 

Mittwoch, 2. September 2026

Der teuerste Kleiderständer der Stadt


Das Fitnessstudio ist der einzige Ort, an dem Menschen einen Vertrag abschließen, um regelmäßig nicht hinzugehen. Die Abbuchung jeden Monat ist immerhin konsequent. Der Körper verändert sich kaum, aber das Konto wird zuverlässig schlanker.

Im Januar herrscht Hochbetrieb. Sämtliche Geräte sind besetzt von Leuten mit neuen Schuhen, neuen Flaschen und einer Entschlossenheit, die ungefähr bis zum 19. Januar reicht. Im Februar gehört das Studio wieder den drei Männern, die dort vermutlich wohnen.

Der Trainingsplan beginnt mit Aufwärmen. Zehn Minuten Laufband. Man läuft und läuft, bleibt aber am selben Ort. Eine perfekte Vorbereitung auf das Berufsleben.

Danach kommt ein Gerät, das aussieht wie ein mittelalterliches Verhörinstrument. Auf dem Aufkleber lächelt ein anatomisch perfekter Mensch. Man setzt sich hinein, zieht am falschen Hebel und trainiert offenbar eine Muskelgruppe, die nur bei Tiefseefischen vorkommt.

Zwischen den Übungen blickt man in den Spiegel. Fitnessstudios besitzen mehr Spiegel als ein Schloss, aber niemand wirkt dadurch königlich. Die einen betrachten ihre Muskeln. Die anderen prüfen, ob sie schon überzeugend erschöpft aussehen.

Sehr wichtig ist die Sportuhr. Sie misst Schritte, Puls, Sauerstoff, Schlaf und vermutlich moralische Schwäche. Nach 20 Minuten meldet sie: „Bewegungsziel erreicht.“ Man bedankt sich und geht zur Belohnung einen Proteinshake trinken, der so viele Kalorien hat wie ein Familienessen.

In der Umkleide diskutieren Menschen über Eiweiß, Regeneration und Stoffwechsel, als bereiteten sie eine Marsmission vor. Anschließend fahren sie mit dem Aufzug ins Parkhaus.

Der Vertrag läuft natürlich zwölf Monate. Kündigen kann man nur schriftlich, persönlich und während einer seltenen Mondfinsternis. So bleibt man Mitglied, zahlt weiter und besitzt wenigstens eine sportliche Identität. Training ist schließlich Kopfsache. Besonders, wenn man gar nicht hingeht.

 

Dienstag, 1. September 2026

Gefühlt leichter Weltuntergang


Früher schaute man aus dem Fenster, um das Wetter zu erfahren. Heute schaut man auf fünf Apps und anschließend aus dem Fenster, um festzustellen, welche davon gelogen hat.

Die eine App meldet Sonnenschein. Die zweite warnt vor Starkregen. Die dritte erklärt, es seien „gefühlte 14 Grad“. Gefühlte Temperatur ist ein schönes Konzept. Auch mein Kontostand fühlt sich deutlich höher an, trotzdem akzeptiert der Supermarkt diese Messmethode nicht.

Besonders eindrucksvoll sind Unwetterwarnungen. Das Telefon vibriert dramatisch: Gefahr für Leib und Leben. Draußen bewegt sich ein Blatt. Der Deutsche bleibt trotzdem vorsichtig und stellt vorsorglich die Balkonmöbel zwei Zentimeter näher an die Wand.

Der Regenradar zeigt eine präzise blaue Wolke, die in exakt 17 Minuten das Haus erreichen soll. Man wartet. Nach 17 Minuten scheint die Sonne. Der Regen fällt offenbar ausschließlich auf das Rechenzentrum.

Auch die Prozentangaben helfen. 40 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Bedeutet das, dass es bei 40 Prozent der Menschen regnet? Oder dass jeder Tropfen nur zu 40 Prozent nass ist? Meteorologie ist die Kunst, hinterher erklären zu können, warum die Vorhersage eigentlich richtig war.

Für Ausflüge packt man deshalb alles ein: Sonnencreme, Regenschirm, Winterjacke und kurze Hose. Man verlässt das Haus wie eine mobile Kleiderkammer und ist trotzdem falsch angezogen.

Die App kennt außerdem das Wetter in zwölf Tagen. Um 14 Uhr leichter Regen, ab 14:23 Uhr trocken. Das ist erstaunlich, weil dieselbe App nicht einmal weiß, was gerade vor dem Fenster passiert.

Am Ende wird das Wetter besser als angekündigt. Sofort sind alle enttäuscht, weil sie den Grillabend abgesagt haben. Der moderne Mensch möchte nicht gutes Wetter. Er möchte, dass seine App recht behält.

 

Montag, 31. August 2026

Sie sind noch stummgeschaltet


Das Homeoffice hat die Arbeitswelt menschlicher gemacht. Früher wusste man nicht, wie die Kollegen wohnen. Heute kennt man ihre Küchenfronten, Haustiere und die erstaunliche Anzahl ungegossener Pflanzen.

Der Arbeitstag beginnt mit dem Satz: „Hört ihr mich?“ Darauf folgen drei Minuten gemeinsames Nicken, Gestikulieren und die Erkenntnis, dass der wichtigste Mitarbeiter im Unternehmen inzwischen das kleine Mikrofonsymbol ist.

Dann erscheint jemand nur als schwarzes Rechteck mit Initialen. Die Kamera sei kaputt. Seit 2021. Vermutlich wird sie zusammen mit dem Berliner Flughafen repariert. Andere sitzen vor virtuellen Palmenstränden, obwohl man am bleichen Gesicht erkennt, dass sie sich in einem fensterlosen Keller befinden.

Besonders eindrucksvoll ist der Business-Look. Oben Hemd, unten Jogginghose. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern moderne Arbeitsteilung: Der Oberkörper macht Karriere, die Beine haben innerlich gekündigt.

Während der Präsentation friert das Bild des Chefs ein. Niemand weiß, ob die Verbindung abgebrochen ist oder ob er nur über die Quartalszahlen nachdenkt. Aus Höflichkeit wartet man. Nach zwei Minuten stellt sich heraus: Er hat die ganze Zeit geredet und erwartet nun Zustimmung.

Im Hintergrund übernehmen Kinder und Haustiere das Krisenmanagement. Eine Katze läuft über die Tastatur und versendet innerhalb von fünf Sekunden eine strategisch klarere Nachricht als das gesamte Führungsteam im letzten Quartal.

Am Ende fragt jemand: „Gibt es noch Punkte?“ Das ist der gefährlichste Moment jeder Videokonferenz. Alle schauen konzentriert auf einen zweiten Bildschirm und hoffen, durch völlige Regungslosigkeit unsichtbar zu werden. Einer sagt trotzdem etwas. Die Besprechung verlängert sich um 40 Minuten.

Dann verabschiedet man sich. Fünf Menschen winken in ihre Kameras wie Schiffbrüchige. Einer findet den Auflegen-Knopf nicht und bleibt allein im Meeting zurück. Homeoffice ist eben Freiheit: Man kann überall arbeiten. Aufhören kann man nirgends.

 

Sonntag, 30. August 2026

Digitalisierung mit Wartezimmer


Das Bürgeramt ist jetzt digital. Man erkennt es daran, dass man den Papiertermin online beantragen muss.

Die Terminseite öffnet mit dem freundlichen Hinweis: „Aktuell sind keine Termine verfügbar.“ Darunter befindet sich ein Kalender für die nächsten sechs Monate. Jeder Tag ist grau. Es sieht aus wie die Wettervorhersage für die Hoffnung.

Neue Termine werden morgens um sieben freigeschaltet. Um 6:59 Uhr sitzt man mit Kaffee vor dem Bildschirm. Um 7:00 Uhr lädt die Seite. Um 7:01 Uhr ist der nächste freie Termin im Februar. Welches Jahr, wird aus Datenschutzgründen nicht mitgeteilt.

Hat man tatsächlich einen Termin ergattert, erhält man 14 E-Mails. Eine bestätigt die Reservierung. Eine bestätigt die Bestätigung. Eine warnt, dass man den Termin verliert, wenn man nicht bestätigt, dass man die Bestätigung der Reservierung gelesen hat. Digitalisierung schafft vor allem neue Möglichkeiten, nichts zu vergessen und trotzdem alles falsch zu machen.

Vor dem Besuch soll man die benötigten Unterlagen prüfen. Die Liste beginnt übersichtlich: Personalausweis, Passfoto, Geburtsurkunde. Dann folgen Mietvertrag, Meldebescheinigung, Einverständniserklärung, biometrisches Foto, unbiometrisches Lächeln und vermutlich ein Empfehlungsschreiben der Grundschule.

Im Amt zieht man eine Nummer. Obwohl man einen Termin hat. Die Nummer lautet A148. Aufgerufen wird B7. Niemand weiß, ob Buchstaben vorwärts oder Zahlen rückwärts zählen. Die Anzeige ist weniger Wartesystem als abstrakte Kunst.

Der Warteraum ist leer, aber alle Schalter sind geschlossen. Hinter einer Glasscheibe bewegt sich gelegentlich ein Schatten. Man hört einen Drucker. Das Gebäude lebt. Es möchte nur keinen Kontakt.

Dann erscheint die eigene Nummer. Für ungefähr zwei Sekunden. Man springt auf, lässt sämtliche Dokumente fallen und rennt zu Schalter 4. Dort sitzt eine Person, die sagt: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Das ist der Moment, in dem der Staat wieder ganz persönlich wird.

Natürlich fehlt ein Formular. Es kann nur online heruntergeladen werden. Das WLAN im Amt funktioniert nicht. Man müsse es zu Hause ausdrucken und erneut vorbeikommen. Papierloses Arbeiten bedeutet inzwischen, dass der Bürger das Papier selbst mitbringt.

Bezahlt wird mit Karte, aber nur mit einer Karte, die das Gerät heute sympathisch findet. Bargeld ist aus hygienischen Gründen unerwünscht, kontaktloses Bezahlen aus technischen Gründen unmöglich. Die Verwaltung bleibt neutral.

Am Ende erhält man eine vorläufige Bescheinigung. Das endgültige Dokument kommt per Post. Die digitale Zukunft wird also von einem Briefträger zugestellt. Vermutlich trifft er uns leider nicht an.