Sonntag, 30. August 2026

Digitalisierung mit Wartezimmer


Das Bürgeramt ist jetzt digital. Man erkennt es daran, dass man den Papiertermin online beantragen muss.

Die Terminseite öffnet mit dem freundlichen Hinweis: „Aktuell sind keine Termine verfügbar.“ Darunter befindet sich ein Kalender für die nächsten sechs Monate. Jeder Tag ist grau. Es sieht aus wie die Wettervorhersage für die Hoffnung.

Neue Termine werden morgens um sieben freigeschaltet. Um 6:59 Uhr sitzt man mit Kaffee vor dem Bildschirm. Um 7:00 Uhr lädt die Seite. Um 7:01 Uhr ist der nächste freie Termin im Februar. Welches Jahr, wird aus Datenschutzgründen nicht mitgeteilt.

Hat man tatsächlich einen Termin ergattert, erhält man 14 E-Mails. Eine bestätigt die Reservierung. Eine bestätigt die Bestätigung. Eine warnt, dass man den Termin verliert, wenn man nicht bestätigt, dass man die Bestätigung der Reservierung gelesen hat. Digitalisierung schafft vor allem neue Möglichkeiten, nichts zu vergessen und trotzdem alles falsch zu machen.

Vor dem Besuch soll man die benötigten Unterlagen prüfen. Die Liste beginnt übersichtlich: Personalausweis, Passfoto, Geburtsurkunde. Dann folgen Mietvertrag, Meldebescheinigung, Einverständniserklärung, biometrisches Foto, unbiometrisches Lächeln und vermutlich ein Empfehlungsschreiben der Grundschule.

Im Amt zieht man eine Nummer. Obwohl man einen Termin hat. Die Nummer lautet A148. Aufgerufen wird B7. Niemand weiß, ob Buchstaben vorwärts oder Zahlen rückwärts zählen. Die Anzeige ist weniger Wartesystem als abstrakte Kunst.

Der Warteraum ist leer, aber alle Schalter sind geschlossen. Hinter einer Glasscheibe bewegt sich gelegentlich ein Schatten. Man hört einen Drucker. Das Gebäude lebt. Es möchte nur keinen Kontakt.

Dann erscheint die eigene Nummer. Für ungefähr zwei Sekunden. Man springt auf, lässt sämtliche Dokumente fallen und rennt zu Schalter 4. Dort sitzt eine Person, die sagt: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Das ist der Moment, in dem der Staat wieder ganz persönlich wird.

Natürlich fehlt ein Formular. Es kann nur online heruntergeladen werden. Das WLAN im Amt funktioniert nicht. Man müsse es zu Hause ausdrucken und erneut vorbeikommen. Papierloses Arbeiten bedeutet inzwischen, dass der Bürger das Papier selbst mitbringt.

Bezahlt wird mit Karte, aber nur mit einer Karte, die das Gerät heute sympathisch findet. Bargeld ist aus hygienischen Gründen unerwünscht, kontaktloses Bezahlen aus technischen Gründen unmöglich. Die Verwaltung bleibt neutral.

Am Ende erhält man eine vorläufige Bescheinigung. Das endgültige Dokument kommt per Post. Die digitale Zukunft wird also von einem Briefträger zugestellt. Vermutlich trifft er uns leider nicht an.