Ein deutsches Mehrfamilienhaus ist keine Wohnform. Es ist ein Kleinstaat mit Klingelschildern. Die Verfassung hängt laminiert im Treppenhaus und heißt Hausordnung.
Darin steht, wann man duschen, bohren, musizieren und vermutlich atmen darf. Zwischen 13 und 15 Uhr herrscht Mittagsruhe. Wer um 14:03 Uhr einen Stuhl verrückt, gefährdet den sozialen Frieden.
Die höchste staatliche Aufgabe ist die Kehrwoche. Sie wird auf einem Plan geregelt, der komplizierter ist als ein Tarifvertrag. Wer einmal vergisst, die Treppe zu wischen, wird nicht angesprochen. Man erhält einen anonymen Zettel in Großbuchstaben. Diplomatie beginnt bei Schriftgröße 28.
Dann die Mülltrennung. Papier, Glas, Bio, Verpackung und Dinge, über die die Eigentümerversammlung erst noch entscheiden muss. Ein falsch entsorgter Joghurtbecher führt zu forensischen Ermittlungen. Irgendjemand wird den Kassenzettel finden.
Auch Fußmatten unterliegen Regeln. Sie dürfen nicht zu groß, nicht zu bunt und vor allem nicht glücklich wirken. Eine Matte mit „Willkommen“ gilt im Treppenhaus bereits als aggressive Selbstdarstellung.
Der ideale Nachbar hört alles. Er weiß, wann man heimkommt, wie oft man Wäsche wäscht und dass am vergangenen Dienstag ungewöhnlich lange Wasser lief. Dieses Wissen nennt er nicht Überwachung, sondern Aufmerksamkeit.
Begegnet man sich im Flur, folgt ein knappes „Morgen“. Mehr Nähe wäre verdächtig. Dafür kennt jeder sämtliche Pakete der anderen und nimmt sie widerwillig an. So entsteht Gemeinschaft: durch Kartons, die niemand bestellt haben will.
Am Ende schließt man leise die Wohnungstür und ist erleichtert, wieder im eigenen Bereich zu sein. Bis es klingelt. Jemand möchte über den Kinderwagen im Flur sprechen. Die Hausordnung hat nämlich Gefühle. Und sie ist enttäuscht.