Deutschland hat Sommer. Das erkennt man daran, dass die Bahn ihre Verspätungen jetzt nicht mehr mit „Personen im Gleis“, sondern mit „Personen in flüssigem Aggregatzustand“ begründet.
Bei 36 Grad verändert sich das Land. Aus Bürgern werden Grillbeilagen, aus Dachgeschosswohnungen werden Niedrigtemperaturöfen, und aus jedem Büro mit Klimaanlage wird plötzlich ein attraktiver Arbeitgeber. Früher lockte man Fachkräfte mit Dienstwagen. Heute reicht ein Ventilator, der nicht nach verbranntem Staub riecht.
Die Deutschen reagieren auf Hitze wie auf alles andere: mit Regeln. Im Freibad liegt morgens um sieben bereits das erste Handtuch auf der Liege. Der Besitzer kommt gegen drei. Das ist keine Reservierung, das ist koloniale Landnahme aus Frottee.
Dann die Kleidung. Kaum steigt das Thermometer über 28 Grad, tragen Männer kurze Hosen, die aussehen, als hätten sie beim letzten Ölwechsel schon mitgeholfen. Dazu Sandalen mit Socken – der Airbag unter den Sommeroutfits. Nicht schön, aber man fühlt sich auf unerklärliche Weise geschützt.
Auch die Medien leisten ihren Beitrag. „So überstehen Sie die Hitze“, heißt es zuverlässig. Der wichtigste Tipp: viel trinken. Danke. Ohne diese Information hätte die Nation geschlossen versucht, sich mit Knäckebrot zu hydrieren. Dazu der Hinweis, mittags keinen Marathon zu laufen. Wieder eine große Alltagssorge weniger.
Im Supermarkt beginnt währenddessen der Kampf um die letzte Wassermelone. Menschen, die sich sonst über Messerverbote unterhalten, greifen beim Sonderangebot plötzlich sehr entschlossen zum Küchenwerkzeug. Vor dem Kühlregal bilden sich Wohngemeinschaften. Einer holt Milch, die anderen sichern den Platz.
Die Klimaanlage bleibt natürlich moralisch umstritten. Sie verbraucht Energie, sagen die einen. Sie verhindert Mord, sagen die anderen. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo bei 22 Grad und mittlerer Gebläsestufe.
Besonders hart trifft es die Büros. Ab 30 Grad sinkt die Produktivität. Das ist wissenschaftlich interessant, weil viele Firmen damit erstmals einen messbaren Unterschied zum restlichen Jahr feststellen. In Videokonferenzen sitzt oben das Hemd, unten die Badehose. Führungskräfte nennen das „hybrides Arbeiten“.
Am Abend folgt das große Ritual: Fenster auf, Durchzug, Hoffnung. Draußen sind weiterhin 31 Grad, aber irgendwer behauptet, jetzt komme „ein bisschen Luft rein“. Es ist dieselbe Luft. Sie hat nur kurz den Balkon gesehen.
Und irgendwann kommt das Gewitter. Drei Tropfen fallen, die Wetter-App meldet Unwetterwarnung, und ganz Deutschland steht am Fenster wie früher beim Farbfernsehen. Danach riecht die Straße für zehn Minuten frisch, bevor der Asphalt wieder die Konsistenz von Raclettekäse annimmt.
Aber wir wollen nicht klagen. Der Sommer ist schließlich die schönste Zeit des Jahres. Das sagen vor allem Menschen mit Garten, Pool und einem Schlafzimmer, das nicht direkt unter dem Dach liegt. Für alle anderen gilt: ruhig bleiben, viel trinken und niemals Schwäche zeigen. Der Ventilator spürt Angst.